Zeit der kleinen Reisen

Romantik am Lech /Foto H.Klug

Die weiße Gischt sprüht bis ans Ufer. Es ist so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten kann. Das Lechwehr ändert sein Gesicht täglich. Im Frühjahr zur Schneeschmelze bahnt das Wasser sich dröhnend seinen Weg ins Tal. Der Lech tritt über die Ufer und in der Altstadt stehen nicht nur gute Stuben unter Wasser.

Jetzt im September ist das große Wehr, ein Wahrzeichen Landsbergs, vor allem eines: ein Fest für die Augen. Bei schönem Wetter flaniert halb Landsberg auf der Uferpromenade. Die Eiscafés, Restaurants und Biergärten haben Hochbetrieb. Ein freies Plätzchen ist rar. Wie die Lemminge zieht es die Bewohner der mittelalterlichen Stadt bei jedem Sonnenstrahl ans Wasser. Auf beiden Seiten des Lechs befinden sich gutausgebaute Uferwege, auf denen man joggen, radeln oder einfach nur spazieren gehen kann.

Wenn die Reiselust erwacht, muss es nicht immer in die Ferne gehen. Die alte Salzstadt Landsberg am Lech gehört zu den schönsten Ausflugszielen Oberbayerns. Heuer, das ist bayerisch und bedeutet übersetzt etwa „heute, dieses Jahr“, wird gefeiert. 2012 wird Landsberg, ehemals Landesperch oder noch früher Castrum Landespurch, stolze 850 Jahre alt. Und das wird das ganze Jahr über kräftig gefeiert. Die Geschichte der Lechstadt ist nicht immer glanzvoll. Als Salzstadt berühmt und reich geworden, spielte sie eine besonders unrühmliche und daher gern vergessene Rolle in der NS-Zeit.

Anfang der fünziger Jahre, während der Besatzungszeit, war Johnny Cash, einer der berühmtesten amerikanischen Countrysänger und Songschreiber in Landsberg stationiert. Er arbeitete als Funker auf einem militärischen Abhörposten. In Landsberg gründete Cash seine erste Band, die „Landsberg Barbarians“. Es entstand der Song „Folsom Prison Blues“.

Lechwasser speist den Mühlbach / Foto H.Klug

Die Landsberger Innenstadt ist reinstes Mittelalter, viele Häuser und Gassen sind denkmalgeschützt. Während der Hauptplatz, ein historischer Diamant reinsten Wassers, liebevoll restauriert und umgebaut wurde, erschütterte ein neuer Skandal die so beschaulich wirkende Stadt. Zur Verbesserung der Stadtfinanzen hatten Räte und Kämmerer seit der Jahrtausendwende kräftig am Derivatemarkt gezockt.  Der bayerische kommunale Prüfungsverband bilanzierte die bisherigen Verluste mit fünf Millionen Euro. Steuergelder, die der Stadt in den nächsten Jahren fehlen werden. Da 2012 nicht nur gefeiert, sondern auch gewählt wurde, kam es, wie es kommen musste. Alle Beteiligten wurden abgewählt, ein neuer Oberbürgermeister, Mathias Neuner, CSU, kam ans Ruder. Er wird noch eine Weile mit Aufräumarbeiten beschäftigt sein. Einige der verhängnisvollen Papiere, Zinstauschgeschäfte, laufen erst 2034 aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.