Herkömmliche Anamnese

Die richtige Anamnese ist genau wie das Erstgespräch eine Kunst, die verstanden werden will. Ist sie gelungen, fühlt sich der Klient angenommen. Die Anamnese an sich dient traditionell dazu, die Vorgeschichte einer Erkrankung zu ermitteln. Informanten sind der Klient/Patient oder wenn gewünscht, auch Angehörige.

In der herkömmlichen Praxis für Psychotherapie oder Psychiatrie dient die Anamnese nicht nur der Erhebung aktueller Beschwerden, sondern vor allem auch der Datensammlung für den Therapieantrag bei der Krankenkasse. Die wird leider immer umfangreicher. Das hat auch damit zu tun, dass die Kassen versuchen, durch Aussieben  explodierende Therapiekosten in den Griff zu bekommen.  Leider mit dem falschen Ansatz. Seit Jahren weisen Therapeutenvereinigungen voller Sorge auf das Problem zunehmender seelischer Erkrankungen aufgrund falscher sozialer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Weichenstellung hin.

Doch der Kassenpatient hat keine Wahl. Da weder in den Städten noch auf dem Land die psychotherapeutische Grundversorgung, auf die er einen gesetzlichen Anspruch hat, gewährleistet ist, muss er das Spiel mitspielen. Dazu gehören ausführliche Fragebögen, die er auszufüllen hat, noch bevor er – nach oft wochenlanger Wartezeit – den Therapeuten erstmals zu Gesicht bekommt. Das Prinzip, im Erstgespräch überhaupt feststellen zu können, ob Therapeut und Methode zum Klienten passen und umgekehrt, kommt dabei zusehends unter die Räder. Der Patient, die Patientin, die ja in der Regel bereits einen gewissen Leidensdruck haben, werden kaum eine erneute acht bis zehnwöchige Wartezeit riskieren.

In der klassischen und auch an den Universitäten erlernten Form wird eine gute Anamnese zunächst mündlich erfolgen. Im Erstgespräch erhält der Patient unstrukturierten Raum, um über seine Befindlichkeit zu berichten. Die Erhebung wird an den folgenden zwei Terminen fortgesetzt, allerdings findet sie nun strukturiert statt. Der Therapeut stellt gezielte Fragen zur Erkrankungssituation, zu Biografie, sozialem und familärem Umfeld, zur Arbeits- und Gesundheitssituation. Die Informationsgewinnung wird dabei klar von der erst im Anschluß und mit Zusage der Versicherung beginnenden Therapie abgesetzt.

Die Erhebung der Anamnese und die Suche nach einer passenden Diagnose sind dabei nie Selbstzweck. Sie dienen der Verständigung zwischen Therapeut und Patient, – der Szene – zwei sich bis dahin fremden Menschen im Hinblick auf die Möglichkeit einer erfolgreichen Behandlung. Zusammenhänge wollen gesehen werden, neue Perspektiven und Ideen, die dem Patienten helfen könnten, wollen entwickelt werden.